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Ingwershot jeden Morgen: Bringt das wirklich was?

03.11.2026 · SonneSee Redaktion

Es ist kurz nach sieben, draußen noch dunkel, und im Kühlschrank wartet das kleine Fläschchen. Einmal schütteln, runter damit, kurz die Augen zusammenkneifen – und dann dieses gute Gefühl, etwas für sich getan zu haben. Gerade jetzt, wenn im Büro die Ersten husten, greifen viele zum Ingwershot. Und irgendwann kommt die Frage: Bringt das eigentlich etwas? Oder bezahle ich vor allem für das Brennen im Hals?

Die ehrliche Antwort ist weniger aufregend als manches Etikett, aber auch kein Grund, den Shot schlechtzureden. Sortieren wir es.

Was steckt eigentlich in einem Ingwershot?

Weniger Ingwer, als man denkt. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hat sich Ingwershots im Handel angesehen: Sie bestanden zu höchstens 18 Prozent aus Ingwer und zu mehr als 70 Prozent aus Apfel- oder Orangensaft. Der Shot ist also im Kern ein kleiner, scharfer Saft.

Das merkt man beim Zucker. Einige Produkte waren zusätzlich mit Agavendicksaft gesüßt und enthielten mehr Zucker als Cola. Auch Shots ohne Zuckerzusatz kamen wegen des Saftanteils auf mehr als sieben Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Bei einem kleinen Fläschchen ist das kein Drama. Wer es aber jeden Morgen trinkt, sollte es als das sehen, was es ist: Saft.

Schützt Ingwer vor Erkältungen?

Das ist der Kern der Verwirrung, und hier muss man klar sein: Belegt ist das nicht. Stiftung Warentest hielt bei ihrem Test von 19 Ingwershots fest, dass eine vorbeugende Wirkung von Ingwer gegen Erkältungen nicht in Studien am Menschen untersucht wurde. Die Apotheken Umschau formuliert es ähnlich nüchtern: Ingwershots sind Lebensmittel und keine Medizin.

Und die Studie mit den „alarmierten Immunzellen“?

Vielleicht sind Sie darüber gestolpert. Forschende des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der TU München haben gezeigt, dass Scharfstoffe aus Ingwer nach dem Trinken von Ingwertee im Blut nachweisbar sind. Im Labor reagierten bestimmte weiße Blutkörperchen, die mit einem dieser Scharfstoffe behandelt wurden, stärker auf ein Signal, das eine bakterielle Infektion nachahmt.

Das ist spannende Grundlagenforschung – mehr aber noch nicht. Es war ein Zellversuch, und für die Messung im Blut tranken die Teilnehmenden einen ganzen Liter kräftigen Ingwertee. Die Studienleiterin betonte selbst, dass auf molekularer, epidemiologischer und medizinischer Ebene noch viele Fragen offen sind. Ob ein Shot am Morgen Sie besser durch den Winter bringt, lässt sich daraus nicht ableiten.

Und das Vitamin C im Shot?

Hier lohnt sich genaues Hinsehen. Vitamin C ist einer der Nährstoffe, für die die EU eine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen hat: Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Diese Aussage gehört aber zum Vitamin C, nicht zum Ingwer – und sie setzt voraus, dass das Vitamin tatsächlich drin ist. Stiftung Warentest fand in sieben der 19 getesteten Shots kein nachweisbares Vitamin C.

Wer auf Vitamin C achten möchte, findet es verlässlich in Obst und Gemüse, etwa in Paprika, Kohl, Zitrusfrüchten oder Beeren. Ein Ingwershot ist dafür weder nötig noch eine Garantie.

Lohnt sich Selbermachen?

Wenn Sie den Geschmack mögen: ja. Laut Stiftung Warentest enthielten selbst gemachte Shots im Schnitt fast ein Drittel mehr Scharfstoffe als die nicht erhitzten Fertigprodukte und etwa doppelt so viele wie die erhitzten. Ingwer verliert beim Lagern und Verarbeiten an Schärfe, frisch gepresst schmeckt er deutlich kräftiger. Mehr Schärfe heißt allerdings vor allem mehr Geschmack – nicht automatisch mehr Wirkung.

Der größere Vorteil: Sie bestimmen selbst, wie viel Saft hineinkommt, und damit auch, wie viel Zucker. Frischen Ingwer können Sie ungeschält verwenden; bei länger gelagerten Knollen gibt die Schale eher Bitterstoffe ab. Und nebenbei sparen Sie Geld und die vielen kleinen Einwegflaschen.

Was Sie jetzt tun können

  • Genießen statt erwarten. Wenn Ihnen der Shot schmeckt und er Sie morgens wach rüttelt, spricht nichts gegen ihn. Als Schutzschild sollten Sie ihn nur nicht betrachten.
  • Aufs Etikett schauen. Ingwer- und Saftanteil sowie der Zuckergehalt stehen auf der Packung. Steht Saft weit vorne in der Zutatenliste, trinken Sie eher Saft als Ingwer.
  • Ingwer einfach in den Alltag holen. Ein paar Scheiben frischer Ingwer in heißem Wasser, im Curry oder in der Kürbissuppe – günstig, aromatisch und ohne Zuckerzusatz.
  • Das Unspektakuläre nicht vergessen. Was Gesundheitsbehörden in der Erkältungszeit raten, klingt langweilig: gründlich Hände waschen. Laut dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit unterbricht das den Weg, auf dem Erreger von den Händen ins Gesicht gelangen.
  • Auf sich selbst hören. Wer mit Scharfem auf nüchternen Magen nicht gut zurechtkommt, muss sich nicht zwingen. Ein Ritual soll guttun, nicht Pflicht sein.

Häufige Fragen

Ist ein Ingwershot am Morgen ungesund?

Nicht grundsätzlich. Bei Fertigprodukten lohnt aber ein Blick auf den Zucker, weil der Saftanteil hoch ist und manche Shots zusätzlich gesüßt sind.

Ist Ingwertee genauso gut wie ein Shot?

Für die Frage nach Erkältungen gilt für beide dasselbe: Ein Schutz ist nicht belegt. Tee aus frischem Ingwer ist aber eine einfache Möglichkeit, Ingwer ohne Zucker zu genießen.

Hilft ein Shot, wenn die Erkältung schon da ist?

Belege dafür gibt es nicht. Wenn Beschwerden stark sind oder länger anhalten, ist die Hausarztpraxis die richtige Adresse.

Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.

Quellen:

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