Vielleicht ist es Ihnen auch schon begegnet: Jemand klebt sich vor dem Schlafengehen einen Streifen Tape über die Lippen und erzählt am nächsten Morgen von tieferem Schlaf, weniger Schnarchen und frischem Atem. „Mouth Taping“ heißt der Trend. Und gerade jetzt, wo viele mit trockenem Mund und kratzigem Hals aufwachen, klingt die Idee verlockend. Also einfach mal ausprobieren?
Die kurze Antwort: Die Grundidee, nachts lieber durch die Nase zu atmen, ist nicht verkehrt. Das Tape selbst ist aber kaum untersucht, und für manche Menschen kann es riskant sein.
Was hinter dem Trend steckt
Beim Mouth Taping wird der Mund über Nacht mit einem Pflaster oder einem speziellen Tape verschlossen. Der Gedanke dahinter: Wer den Mund nicht öffnen kann, atmet zwangsläufig durch die Nase. In den sozialen Medien werden dem Klebestreifen dann allerlei Effekte zugeschrieben, von ruhigerem Schlaf über weniger Müdigkeit am Tag bis hin zu schönerer Haut.
Ein wahrer Kern ist dabei: Die Nase ist fürs Atmen gemacht. Sie wärmt, befeuchtet und filtert die Luft, bevor sie in die Lunge gelangt. Wer nachts überwiegend durch den Mund atmet, wacht nicht selten mit trockenem Mund auf.
Was die Forschung tatsächlich zeigt
Ein kanadisches Forschungsteam hat 2025 im Fachjournal PLOS One alle Studien zusammengetragen, die es zum Mund-Zukleben gibt. Übrig blieben zehn Studien mit zusammen 213 Teilnehmenden. Für einen Trend, der so viel Aufmerksamkeit bekommt, ist das erstaunlich wenig. Die Studien waren klein, sehr unterschiedlich aufgebaut, die Datenqualität insgesamt niedrig.
Entsprechend nüchtern fällt das Ergebnis aus. Zwei Studien fanden bei Menschen mit leichter obstruktiver Schlafapnoe eine messbare Verbesserung einzelner Atemwerte. Die meisten anderen fanden keinen Unterschied. Mehrere Arbeiten beschrieben dagegen Risiken. Das Fazit der Autoren: Wer sich wahllos den Mund zuklebt, geht ein potenziell ernstes Risiko ein. Ob das Ganze überhaupt einen Nutzen hat, müssen weitere Studien erst zeigen.
Ein Detail ist dabei wichtig: Viele der Studien hatten Menschen mit verstopfter oder auffälliger Nase von vornherein ausgeschlossen. Gerade in der Erkältungszeit ist die Nase aber bei vielen öfter zu.
Warum die verstopfte Nase das eigentliche Problem ist
Nachts durch den Mund zu atmen, hat oft einen banalen Grund: Die Nase ist nicht frei, etwa bei Schnupfen, Heuschnupfen, einer Nasennebenhöhlenentzündung oder einer schiefen Nasenscheidewand. Klebt man in dieser Lage den Mund zu, nimmt man dem Körper den Notausgang. Fachleute warnen, dass dann ein ernster Sauerstoffmangel entstehen kann. Ersticken ist zwar unwahrscheinlich, weil ein Schutzreflex in aller Regel weckt. Gesünder wird der Schlaf dadurch aber nicht.
Schnarchen ist nicht immer harmlos
Viele greifen zum Tape, weil sie selbst oder ihr Gegenüber das Schnarchen leid sind. Schnarchen kann aber auch ein Hinweis auf eine obstruktive Schlafapnoe sein, also auf wiederholte Atemaussetzer im Schlaf. Typische Anzeichen sind:
- lautes Schnarchen mit Pausen, die oft zuerst dem Partner oder der Partnerin auffallen
- starke Müdigkeit tagsüber und Konzentrationsprobleme
- plötzliches Aufwachen, manchmal mit Herzrasen oder Luftnot
- morgendliche Kopfschmerzen und ein trockener Mund beim Aufwachen
Halten solche Beschwerden an, ist ein Arztbesuch sinnvoll. Ein Klebestreifen ersetzt keine Diagnose. Eine Studie mit Schlafapnoe-Betroffenen deutet sogar darauf hin, dass Menschen, die stark durch den Mund atmen, mit Tape schlechter Luft bekamen als ohne.
Was Sie stattdessen tun können
- Erst nach der Nase schauen. Ist sie häufig zu, lohnt es sich, der Ursache nachzugehen, bei anhaltenden Beschwerden in einer HNO-Praxis.
- Nasenatmung tagsüber üben. Achten Sie im Alltag bewusst darauf, durch die Nase zu atmen. Das geht am Schreibtisch, im Bus oder beim Spaziergang.
- Ruhiger atmen. Viele atmen zu flach und zu schnell. Länger aus- als einatmen und bewusst in den Bauch atmen kann beim Entspannen helfen.
- Schnarchen ernst nehmen. Vor allem dann, wenn Atempausen beobachtet werden oder Sie tagsüber ständig müde sind.
Wer es trotzdem ausprobieren möchte, sollte das nach Rat von Fachleuten nicht auf eigene Faust tun, sondern vorher ärztlich abklären lassen. Bei verstopfter Nase, Allergien oder bekannter Schlafapnoe ist Mund-Zukleben keine gute Idee.
Mehr dazu, warum die Nächte oft unruhig sind: Warum wache ich nachts immer wieder auf? und Im November ständig müde und lustlos – liegt das am Licht?
Häufige Fragen
Ist Mund zukleben beim Schlafen gefährlich?
Riskant ist es vor allem, wenn die Nase nicht frei ist, etwa bei Schnupfen oder Allergien, und bei Schlafapnoe. Einen gesicherten Nutzen gibt es nach heutiger Studienlage auch für Menschen ohne Beschwerden nicht.
Hilft Mouth Taping gegen Schnarchen?
Die Belege sind schwach. Einzelne kleine Studien zeigen bei leichter Schlafapnoe Verbesserungen, andere keinen Effekt. Lautes Schnarchen mit Atempausen sollte ärztlich abgeklärt werden.
Warum wache ich mit trockenem Mund auf?
Ein möglicher Grund ist, dass man nachts durch den Mund atmet, zum Beispiel weil die Nase verstopft ist. Kommen lautes Schnarchen oder starke Tagesmüdigkeit dazu, ist ein Arztbesuch sinnvoll.
Quellen:
- Breaking social media fads and uncovering the safety and efficacy of mouth taping … A systematic review. PLOS One, 2025 (DOI 10.1371/journal.pone.0323643)
- PubMed: Zusammenfassung der Übersichtsarbeit (PMID 40397877)
- Apotheken Umschau: Zum Schlafen den Mund zukleben – Forschende warnen vor Risiken
- aponet.de: Schlafapnoe – Mouth-Taping birgt Risiken
- gesund.bund.de: Obstruktive Schlafapnoe
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.