Es ist kurz nach vier, draußen wird es schon dämmrig, und plötzlich steht man vor dem Küchenschrank. Eigentlich wollte man nur einen Tee. Dann liegt doch die halbe Packung Kekse daneben. Wer das gerade öfter erlebt als im Sommer, fragt sich: Was ist da los – fehlt mir etwas?
Die kurze Antwort: Meistens fehlt nichts Bestimmtes. Im Herbst kommen mehrere Dinge zusammen, die die Lust auf Süßes anschieben können – weniger Licht, oft kürzerer oder unruhigerer Schlaf, Stress und schlicht mehr Gelegenheiten. Kurz nach der Zeitumstellung und mit den ersten Lebkuchen im Regal trifft das alles gleichzeitig ein.
Ist Heißhunger auf Süßes ein Zeichen für einen Nährstoffmangel?
„Wer Lust auf Schokolade hat, dem fehlt Magnesium“ – diesen Satz hört man oft. Er klingt einleuchtend, ist aber nicht belegt. Fachleute weisen darauf hin, dass die wissenschaftliche Literatur keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Heißhunger und einem bestimmten Nährstoffmangel stützt. Würde der Körper tatsächlich nach Magnesium suchen, müsste er sich ebenso auf Nüsse oder Hülsenfrüchte stürzen. Das tut er selten. Und wie stark Menschen Schokolade „vermissen“, unterscheidet sich je nach Land und Kultur deutlich.
Das heißt nicht, dass die Ernährung egal wäre. Es heißt nur: Aus der Lust auf ein bestimmtes Lebensmittel lässt sich kein Mangel ablesen. Wer einen Mangel vermutet, klärt das besser in der Hausarztpraxis als am Keksschrank.
Was steckt dann dahinter?
Weniger Schlaf, mehr Appetit
Schlaf gehört zu den am besten untersuchten Faktoren. In einer kleinen, viel zitierten Studie der University of Chicago durften junge Männer zwei Nächte lang nur kurz schlafen. Danach waren die Hormone verschoben, die Hunger und Sättigung mitsteuern (Ghrelin und Leptin). Süßigkeiten, Kekse und Kuchen erschienen den Teilnehmern deutlich verlockender, während das Interesse an Obst und Gemüse kaum zunahm. Eine Bildgebungsstudie aus Berkeley zeigte außerdem: Nach einer durchwachten Nacht arbeiten Hirnregionen, die Entscheidungen abwägen, gedämpfter – und kalorienreiche Lebensmittel werden attraktiver bewertet.
Im Herbst passt das ins Bild. Die Umstellung auf die Winterzeit bringt den Rhythmus durcheinander, und dunkle Morgen machen das Aufstehen zäh. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag Zeitumstellung: Warum bin ich trotz Extrastunde müde?
Stress und Cortisol
In einem Laborexperiment mit Frauen (Epel und Kollegen, 2001) aßen diejenigen, deren Cortisol auf eine Stresssituation stärker anstieg, anschließend mehr – und vor allem mehr Süßes. Auch eine schlechtere Stimmung während der Stressaufgabe ging mit mehr Essen einher. Süßes ist in solchen Momenten weniger Hunger als eine schnelle Belohnung.
Weniger Licht, andere Stimmung
Kürzere Tage drücken bei vielen Menschen auf Stimmung und Antrieb. Für die ausgeprägte Form, die saisonal abhängige Depression, nennt das US-amerikanische National Institute of Mental Health unter anderem viel Schlaf und ein verstärktes Verlangen nach Kohlenhydraten. Ein wenig „Winterblues“ ist verbreitet. Bleibt die Stimmung aber über Wochen gedrückt, gehört das in ärztliche Hände.
Gewohnheit und Gelegenheit
Ab Oktober liegen Lebkuchen, Spekulatius und Halloween-Süßigkeiten überall aus. Gemütliche Abende auf dem Sofa, Tee, eine Serie – viele Menschen haben solche Situationen fest mit Naschen verknüpft. Dazu kommt der Blutzucker: Sehr Zuckerhaltiges lässt ihn rasch steigen und wieder fallen, und darauf folgt oft der nächste Appetit, wie die Apotheken Umschau erklärt.
Was kann ich jetzt konkret tun?
- Regelmäßig essen. Lange Pausen ohne Mahlzeit sind ein klassischer Auslöser. Eine Mahlzeit mit Eiweiß und langsam verdaulichen Kohlenhydraten hält meist länger vor als ein süßer Snack.
- Den Schlaf ernst nehmen. Möglichst feste Zeiten, morgens bald ans Tageslicht, abends weniger Bildschirm.
- Tageslicht mitnehmen. Ein Spaziergang in der Mittagspause bringt Licht und Bewegung zugleich – gerade jetzt, wo es nach Feierabend schon dunkel ist.
- Die Welle abwarten. Akuter Heißhunger ebbt oft nach etwa einer Viertelstunde ab. Ablenkung, Zähneputzen oder ein zuckerfreier Kaugummi können die Zeit überbrücken.
- Genießen statt aus der Packung essen. Ein Stück Schokolade abbrechen, den Rest wegräumen und dann in Ruhe essen – ohne Fernseher nebenbei.
- Muster erkennen. Eine Woche lang notieren, wann der Heißhunger kommt und wie Sie sich gerade fühlen. Oft zeigt sich schnell, ob eher Müdigkeit, Stress oder Langeweile dahintersteckt.
Wann sollte ich das ärztlich abklären lassen?
Gelegentliche Lust auf Süßes ist normal. Ärztlichen Rat sollten Sie suchen, wenn Heißhungerattacken mehrmals pro Woche auftreten, sich wie ein Kontrollverlust anfühlen oder mit anderen Veränderungen einhergehen – etwa starkem Durst, häufigem Wasserlassen, ungewollter Gewichtsveränderung oder einer Niedergeschlagenheit, die nicht weggeht.
Häufige Fragen
Ist mehr Lust auf Süßes im Herbst normal?
Ja, das erleben viele. Weniger Licht, ein veränderter Schlafrhythmus und mehr Gelegenheiten zum Naschen spielen zusammen. Auffällig wird es erst, wenn der Heißhunger sehr häufig ist oder mit anderen Beschwerden zusammenfällt.
Bedeutet Lust auf Schokolade Magnesiummangel?
Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Gewohnheit, Stimmung, Stress und Schlaf erklären Schokoladenlust deutlich besser. Ob ein Mangel vorliegt, lässt sich nur ärztlich klären.
Sollte ich Süßes ganz weglassen?
Das ist individuell. Die Apotheken Umschau rät, Gewohnheiten schrittweise zu ändern und sich dafür sechs bis acht Wochen Zeit zu geben, statt alles auf einmal umzustellen.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen:
- Spiegel K, Tasali E, Penev P, Van Cauter E. Brief communication: Sleep curtailment in healthy young men is associated with decreased leptin levels, elevated ghrelin levels, and increased hunger and appetite. Ann Intern Med. 2004. PubMed 15583226
- Greer SM, Goldstein AN, Walker MP. The impact of sleep deprivation on food desire in the human brain. Nat Commun. 2013. PMC3763921
- Epel E, Lapidus R, McEwen B, Brownell K. Stress may add bite to appetite in women: a laboratory study of stress-induced cortisol and eating behavior. Psychoneuroendocrinology. 2001. DOI 10.1016/s0306-4530(00)00035-4
- National Institute of Mental Health: Seasonal Affective Disorder
- Apotheken Umschau: Abnehmen: So stoppen Sie Heißhunger
- Scientific American: Are food cravings the body's way of telling us that we are lacking certain nutrients?